Nach diesem eindrucksvollen Naturschauspiel machen wir uns auf den Weg zu unserem nächsten Tagesziel. Diesmal soll es zur Vereda dos Balcoes bei Ribeiro Frio gehen, einer der bekanntesten und zugleich angenehm kurzen Wanderungen der Insel.
Wir folgen der ER103, sie sich durch die üppig grüne, dicht bewachsene Berglandschaft schlängelt.
Die klare Morgenstimmung, die wir oben auf dem Pico do Arieiro erlebt haben, bleibt irgendwo über uns zurück. Schon bald tauchen wir wieder unter die Wolkendecke, die sich wie eine weiche Grenze über die höheren Lagen gelegt hat. Während die Sonne oben auf den Gipfeln weiterstrahlt, treten wir langsam in gedämpfteres Licht ein.
Schließlich erreichen wir Ribeiro Frio und finden direkt vor dem gleichnamigen Restaurant einen Parkplatz. Kaum haben wir den Motor abgestellt, wirft mein Mann einen Blick in den Rückspiegel und sagt nur: „Oha!“
Ich drehe mich um und sehe, wie ein Auto den Berg hinunterkommt, begleitet von einem unangenehmen Geräusch und dichten Rauchschwaden, die von den Reifen aufsteigen. Die Bremsen müssen völlig überhitzt sein.
Der Wagen kommt direkt hinter uns am Straßenrand zum Stehen. Vier junge Frauen steigen aus, sichtbar erschrocken und etwas ratlos. Männe will sich gerade auf den Weg zu ihnen machen, aber ein Polizist, der hier den Verkehr regelt, kümmert sich sofort um die jungen Frauen. Ein beißender Geruch nach verbranntem Kunststoff liegt in der Luft und hängt schwer über der Straße.
Die Mädels scheinen gut betreut zu sein, also laufen wir los. Ein kurzes Stück hinter dem Restaurant beginnt der mit PR11 ausgeschilderte Weg „Vereda dos Balcoes”. Die Strecke ist einfach und eher ein kurzer Spaziergang, zählt aber dennoch zu den beliebtesten Wanderungen der Insel.
Infos zur Wanderung (eher kleiner Spaziergang)
PR 11 Vereda dos Balcoes
- Strecke: Insgesamt 3 Kilometer (hin und zurück)
- Dauer: 1 Stunde
- Schwierigkeitsgrad: Leichter Spaziergang auf breitem Waldweg, bei Nässe rutschig.
- Höhenmeter: 10 m
Gleich am Einstieg werden mehrere Personen kontrolliert. Offensichtlich wird überprüft, ob die kleine Wandergebühr entrichtet wurde. Die Gruppe steht etwas abseits und wird vom Kontrolleur befragt, der sich vollständig auf das Gespräch konzentriert. Wir sind kurz unsicher, ob wir warten sollen, entscheiden uns dann aber, langsam vorbeizugehen. Das war das einzige Mal, dass wir eine Kontrolle miterlebten.
Nach nur wenigen Schritten tauchen wir in den Laurisilva-Wald ein. Die Vegetation wirkt dicht und ursprünglich, beinahe verwunschen. Baumstämme und Felsen sind von einem saftigen grünen Moosteppich überzogen, während von den Ästen lange Bartflechten herabhängen.
Der gut ausgebaute Pfad führt uns zunächst sanft durch den Wald, bevor er sich durch einen natürlichen Felsdurchbruch schlängelt, als hätte sich die Landschaft hier selbst einen Weg geschaffen
Bald schon erreichen wir die Snackbar Flor da Selva, die jedoch zu dieser frühen Uhrzeit noch geschlossen ist. Wir gehen weiter durch den alten Waldbestand, der hier dicht und geschlossen wirkt und lauschen dem allgegenwärtigen Vogelgezwitscher
Der Madeira Natternkopf, auch „Stolz von Madeira“ genannt.
Die aufrechten, kerzenartigen Blütenstände können bis zu 30 cm lang werden
Schließlich erreichen wir den Aussichtspunkt der Vereda dos Balcoes. Von hier aus eröffnet sich ein spektakulärer Panoramablick auf das grüne Tal des Ribeira da Metade, das von den umliegenden Bergen und dem dichten Lorbeerwald eingerahmt wird.
Als wir ankommen, sind bereits einige Besucher vor Ort, doch nach und nach wird es ruhiger und wir haben die Plattform für kurze Zeit für uns allein. Die Luft ist still und der Blick verliert sich in den tiefgrünen Hängen, die sich unter uns ausbreiten.
Am Aussichtspunkt sind wieder jede Menge Madeirafinken zu sehen. Die kleinen Vögel gehören hier zu den häufigsten Arten und sind sehr zutraulich, wie wir ja bereits erleben durften. Besucher vor uns haben auf dem Steintisch Vogelfutter verstreut und die Vögel sind entsprechend präsent. Männe nimmt etwas von dem Futter in die Hand, und die Vögel kommen ohne große Scheu heran und fressen ihm wieder direkt aus der Hand.